Ein Cover-Block mit der Luftaufnahme eines Gebirges und den Worten Von Bergen und Druckmaschinen. So begann im Sommer 2017 die erste Gutenberg-Demo.

Druckmaschinen war eine Anspielung auf Johannes Gutenberg, der Mitte des 15. Jahrhunderts die Druckerpresse erfand und dem Projekt als Namensgeber dient. Von Bergen wurde im Text nicht weiter gesprochen, aber vielleicht ahnte das Team bereits, dass die Herausforderungen sich vor ihnen auftürmen würden wie die Gebirgskette auf dem Foto.

In dieser Chronik werfe ich einen Blick auf den bisherigen Verlauf des Projektes namens Gutenberg und die damit einhergehende schrittweise Blockifizierung von WordPress.

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Google’s English translation (pretty good actually)

Inhaltsverzeichnis

Die WordPress-Welt vor Gutenberg

Um zu verstehen, warum das Projekt Gutenberg überhaupt gestartet wurde, hilft ein Blick auf die Zeit vor 2016.

Der klassische Editor kann keine Layouts erstellen

Bis inklusive Version 4.9 hatte WordPress einen einfachen Editor namens TinyMCE. Dieser klassische Editor funktionierte so ähnlich wie Microsoft Word und war zum Schreiben von einfachen Texten gut geeignet, aber das Gestalten und Erstellen von Layouts war damit kaum möglich.

Ein Beitrag im Classic Editor von WordPress
Ein Beitrag im Classic Editor

Pagebuilder füllen die Lücke

Wer mit WordPress 4 ansprechende Layouts für seine Inhalte erstellen wollte, kam an zusätzlichen Werkzeugen praktisch nicht vorbei. Das waren vor allem Pagebuilder, entweder als zusätzliches Plugin wie Elementor oder im Theme integriert wie bei Divi, Avada oder Enfold.

Einige dieser Werkzeuge waren (und sind) richtig gut. Wer das erste Mal eine Seite mit einem Pagebuilder wie Elementor gestaltete, wähnte sich in einer anderen Welt. Die weiße Wüste des klassischen Editors wich einer unglaublichen Vielfalt von Optionen. 

Ein Beitrag im Pagebuilder Elementor
Eine Seite in Elementor

Diese Vielfalt an Werkzeugen war ein Grund für die Popularität von WordPress, aber WordPress geriet dabei immer mehr in den Hintergrund. Vielen AnwenderInnen war (und ist) oft nicht bewusst, dass sie mit einem zusätzlichen Werkzeug eines externen Anbieters arbeiten. Für sie ist das alles WordPress.

Pagebuilder verursachen viele Probleme

Jeder Pagebuilder-Hersteller kochte sein eigenes Süppchen und es gab keinerlei Standardisierung. Dadurch wurde der Wechsel von einem Pagebuilder zum anderen recht schwierig. Einmal Divi, immer Divi sozusagen. Bei manchen Tools verlor man bei einem Wechsel nicht nur das Layout, sondern gleich den kompletten Inhalt.

Auch Kompatibilitätsprobleme zwischen Pagebuildern und anderen Teilen der Website waren weit verbreitet. Der Plugin-Entwickler Pippin Williamson war von den durch Pagebuilder verursachten Problemen so genervt, dass er Ende September 2016 in seinem Blog eine kritische Beurteilung der bekanntesten Pagebuilder veröffentlichte:

In the last few years, page builder plugins (and those built into themes) have quite possibly caused more headaches for me and my support team than any other single category of plugins. 

WordPress Page builder plugins: a critical review (Pippin Willamson im Juni 2016)

Ein neuer, blockbasierter Editor wird angekündigt

Im Grunde schien die Welt für WordPress Mitte 2016 in bester Ordnung zu sein, aber Matt Mullenweg sah, dass WordPress ohne einen eigenen leistungsfähigen Editor auf Dauer nicht konkurrenzfähig sein würde.

Im Dezember 2016 kündigte er auf der State of the Word 2016 in Philadelphia an, dass Editor und Customizer komplett erneuert werden, und zwar auf Basis von sogenannten Blöcken.

Die Sache mit den Blöcken klang wie eine gute Idee: Webseiten bestehen aus rechteckigen Kästchen, die mit HTML erstellt und mit CSS gestaltet werden, und so etwas wie ein Block schien gut geeignet, rechteckige Kästchen zu erstellen und zu gestalten.

Der holprige Weg zu Gutenberg

Anfang Januar 2017 konkretisierte Mullenweg seine Ankündigung auf make.wordpress.org:

The editor will endeavour to create a new page and post building experience that makes writing rich posts effortless, and has blocks to make it easy what today might take shortcodes, custom HTML, or mystery meat embed discovery.

The customizer will help out the editor at first, then shift to bring those fundamental building blocks into something that could allow customization outside of the box of post_content, including sidebars and possibly even an entire theme.

Focus Tech and Design Leads (Matt Mullenweg im Januar 2017)

Also wartete die WordPress-Welt auf den neuen blockbasierten Editor, der den Code-Namen Gutenberg bekommen hatte, aber in den ersten Monaten von 2017 passierte wenig.

Im Sommer 2017: Der erste Eindruck ist gemischt

Auf dem WordCamp Europe in Paris gab es während eines Interviews mit Matt Mullenweg erstmals ein kurzes Video vom Gutenberg-Editor, wie er damals genannt wurde. Außerdem wurde das Gutenberg-Plugin zum Testen des Editors veröffentlicht:

In diesem Plugin gab es den eingangs erwähnten Demo-Beitrag mit dem Cover-Block.

Welcome to the Gutenberg Editor
Der Demo-Beitrag im Gutenberg-Plugin

Absätze, Bilder, Galerien, Zitate, eingebettete Videos und mehr wurden jeweils in eigenen Blöcken gespeichert, die man einfach verschieben und bearbeiten konnte.

Nach der Installation des Plugins konnte man den Editor testen, und die ersten Eindrücke waren gemischt. Die Idee der Blöcke gefiel, aber es wirkte alles noch sehr unfertig. So waren zum Beispiel die von vielen Plugins wie Yoast SEO verwendeten und für viele AnwenderInnnen wichtigen Meta-Boxen nicht vorhanden, und anscheinend nicht einmal in Planung.

Im August 2017 erläuterte Mullenweg in seinem Blogbeitrag We Called it Gutenberg for a Reason den Hintergrund des Projekts. Gutenberg war nicht nur ein neuer Editor, sondern eine grundlegende Erneuerung von WordPress:

It’s time for WordPress’ next big thing, the thing that helps us deal with our challenges and opportunities. The thing that changes the world.

Gutenberg.

We Called it Gutenberg for a Reason (Matt Mullenweg im August 2017)

Weitgehend unklar blieb dabei, was genau erneuert wird. Und wann. Und wie.

Kurz danach tauchte bereits die nächste große Hürde auf: Gutenberg basiert auf React, einer von Facebook erfundenen JavaScript-Programmbibliothek zur Erstellung von webbasierten Benutzeroberflächen, und die Lizenz von React war für WordPress-Projekte nicht geeignet.

In seinem Beitrag On React and WordPress erläuterte Mullenweg die Probleme und kündigte einen kompletten Rewrite von Gutenberg mit einer anderen JavaScript-Bibliothek an, der das Projekt um Monate verzögern würde. Wenige Tage später gab Facebook klein bei und änderte die Lizenz für React.

Im Winter 2017: Eine Live-Demo des Block-Editors

Im Dezember fasste Mullenweg auf der State of the Word 2017 in Nashville in seiner Keynote, die Idee von Gutenberg noch einmal wie folgt zusammen:

[Gutenberg is] basically an effort to simplify all the different things we have going on in WordPress: shortcodes, widgets, menus, and all the random stuff that people put in TinyMCE into one elegant concept, which is a block.

State of the Word 2017 (Matt Mullenweg im Dezember 2017)

Danach holte er den Gutenberg-Chefarchitekten Matias Ventura auf die Bühne, der den neuen Block-Editor in einer sehenswerten, gut viertelstündigen Live-Demo vorstellte. Das folgende Video fängt bei genau dieser Demo an (bei 36:20 min).

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Die erste Live Demo vom Block-Editor – Matias Ventura auf der State of the Word 2017

Im Frühjahr 2018: Langsam wird es nervig

Die Live-Demo von Ventura war vielversprechend, aber danach passierte erst einmal wieder wenig. Keine Roadmap, keine konkreten Ziele, kein Release-Datum, und die Verunsicherung in der Community wuchs. Im März 2018 habe ich das in The State of the Gutenberg so ausgedrückt:

Gutenberg erscheint wie eine gute Idee, nimmt aber nur sehr langsam konkrete Formen an, und das führt im WordPress-Universum zunehmend zu Verunsicherung. 

Interessante Zeiten, aber Fazit ist, das WordPress auf absehbare Zeit so gut wie keine Planungssicherheit bietet.

The State of the Gutenberg (auf pmueller.de, März 2018)

Im Juni präsentierte Mullenweg in seiner Keynote A Summertime Update zu Gutenberg auf dem WordCamp EU in Belgrad erstmals eine Art Roadmap für WordPress 5.0, aber die blieb gutenberg-typisch eher vage.

Im Herbst 2018: Gutenberg nimmt Fahrt auf

Anfang Oktober kam dann die große Überraschung: Die Planungen für WordPress 4.9.9 waren bereits in vollem Gange, als Mullenweg ohne Vorwarnung alles über den Haufen warf und WordPress 5.0 ankündigte. Mit Gutenberg-Editor. In seinem Blog schrieb er dazu:

If we keep the 5.0 release to strictly 4.9.8 + Gutenberg, we will have a release that is both major and a non-event in terms of new code. It’s all battle-tested.

A Plan for 5.0 (Matt Mullenweg, im Oktober 2018)

Die Einführung von Gutenberg in den WordPress-Core als non-event in terms of new code zu bezeichnen, weil der Code battle-tested sei, war eine Interpretation der Sachlage, die nicht alle Beobachter teilten.

Nachdem das Projekt also lange Zeit eher träge flußabwärts zu treiben schien, kamen im Herbst 2018 plötzlich Stromschnellen in Sicht, und Gutenberg nahm Fahrt auf. 

Im Winter 2018: Gutenberg ist da – und echt schlecht

WordPress 5.0 erschien am 6. Dezember 2018, aber statt Vorfreude auf den neuen Gutenberg-Editor gab es im Vorfeld eine allgemeine Verunsicherung über Probleme mit bereits vorhandenen Inhalten:

Viele Leute installierten aus Vorsorge das Plugin Classic Editor und haben den neuen Block-Editor nie zu Gesicht bekommen. Der war in seiner ersten Inkarnation aber auch so schlecht, dass ich das geplante Buch zu WordPress 5 erstmal verschoben habe.

Matt Mullenweg präsentierte in seiner Keynote zur State of the Word 2018 einen Projektplan für Gutenberg mit vier Phasen:

  1. Fundamental blocks writing & editing. Done.
  2. Outside of post_content. Focus on customization. 2019.
  3. Collaboration. Multi-user editing and workflows. 2020+.
  4. An official way to support multilingual content. 2020+.

Im Video zeigt Mullenweg die vier Phasen ab ca. 25:00 min.

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Die vier Phasen gelten heute noch, nur der Zeitplan hat sich etwas geändert:

  • Der Block-Editor aus Phase 1 war alles andere als Done.
  • Phase 2, Customization, begann mit drei Jahren Verspätung im Frühjahr 2022.
  • Phase 3, Collaboration, geht jetzt (im Frühjahr 2024) langsam los.
  • Phase 4, Multilingual, ist Zukunftsmusik.

Gutenberg-Editor = Block-Editor für Inhalte

Der neue Editor hieß anfangs Gutenberg-Editor, wurde aber oft auch Block-Editor, WordPress-Editor oder WordPress-Block-Editor genannt.

Ich nenne ihn meist Block-Editor für Inhalte, um ihn vom in Phase 2 eingeführten Website-Editor zur Anpassung von Block-Themes zu unterscheiden.

Phase 1: Der Block-Editor für Inhalte

Nach der eher missglückten Einführung Ende 2018 reifte der Block-Editor im Laufe der nächsten gut drei Jahre Schritt für Schritt zu einem brauchbaren Werkzeug, der Pagebuilder für viele Websites überflüssig macht.

Im Frühjahr 2019: Der Block-Editor wird benutzbar

Als im Februar WordPress 5.1 erschien, waren darin die gröbsten Bugs im Block-Editor behoben, sodass man damit arbeiten konnte. Die Monate März und April habe ich mit dem Kennenlernen des Block-Editors verbracht, dann damit reale Websites erstellt und schließlich das Buch Einstieg in WordPress 5 geschrieben. Mein erstes WordPress-Buch mit Block-Editor:

Cover »Einstieg in WordPress 5« (3D)
Einstieg in WordPress 5 – mit Block-Editor

Das Konzept der Arbeit mit Blöcken gefiel mir immer besser, und auch die Arbeit im Block-Editor wurde langsam aber sicher angenehmer.

Im Sommer 2019: Das mit den Blöcken lohnt sich

Nach Erscheinen des Einstieg in WordPress 5 im Juli 2019 habe ich ein kleines Resümee zum Projekt Gutenberg gezogen, und das fiel zum ersten Mal positiv aus:

Fazit: Die Entwicklung des Block-Editors verlief seit seiner Ankündigung im Dezember 2016 nicht immer reibungslos, aber inzwischen ist ein Punkt erreicht, an dem er nicht nur gut funktioniert, sondern auch die Vision des Projektes Gutenberg sichtbar wird.

Lohnt sich das mit den Blöcken? (einstieg-in-wp.de im Juli 2019)

Aber die unglückliche Kommunikation und die missglückte Einführung des Block-Editors hatten in der WordPress-Community so viel verbrannte Erde hinterlassen, dass viele AnwenderInnen einfach bei der Kombination von Classic Editor plus Pagebuilder blieben.

Im Herbst 2019: Blocks are here to stay

Der Block-Editor war im Herbst 2019 noch lange keine ernsthafte Konkurrenz für Pagebuilder wie Elementor oder Divi, aber die Idee der Blöcke hatte sich im WordPress-Universum bereits einen Platz erobert.

Als Ergänzung für die damals noch recht spartanischen Standardblöcke von WordPress tauchten im Plugin-Verzeichnis ständig neue Blocksammlungen auf:

Diese Plugins brachten ihre eigenen Blöcke mit, waren zum Teil echt genial und trugen häufig die Bezeichnung Pagebuilder im Namen. Aber eigentlich waren sie nur eine Art Suchtverlagerung: statt vom Pagebuilder-Plugin oder Pagebuilder-Theme war man jetzt abhängig von einer Pagebuilder-Blocksammlung, die den Block-Editor erweiterte.

Im Winter 2019: Gruppe-Block und Twenty Twenty

Knapp ein Jahr nach der Einführung des Block-Editors gab es im November 2019 in WordPress 5.3 zwei bemerkenswerte Neuerungen: den Gruppe-Block und das Standardtheme Twenty Twenty.

Der Gruppe-Block ist eine wichtige Voraussetzung für das Erstellen von Layouts, und das vom schwedischen Webdesigner Anders Norén speziell für den Block-Editor entworfene Standard-Theme Twenty Twenty war das bis dahin wohl beste aller Standardthemes und lange Zeit das Fundament dieser Website.

Twenty Twenty im Theme-Verzeichnis von WordPress
Twenty Twenty im Theme-Verzeichnis von WordPress

Die Arbeit mit dem Block-Editor machte in Twenty Twenty richtig Spaß, und es war das erste Mal, dass ich eine reale Website nur mit einem Standardtheme umgesetzt habe. Okay, mit Twentig als Verstärkung.

Im Sommer 2020: Block-Editor im neuen Look

Im August 2020 erschien WordPress 5.5, und darin bekam der Block-Editor einen Facelift:

Knapp zwei Jahre nach der ersten Einführung wurde der Block-Editor also weiterhin überarbeitet und verfeinert. Besonders für Einsteiger wurde es zunehmend nervig, dass der Editor in jeder neuen WordPress-Version wieder ein bisschen anders aussah.

Im Frühjahr 2021: Goodbye Elementor

Das Leben in einer Übergangszeit hat seine ganz besonderen Reize, und so nutzte ich damals für die Inhalte auf meiner Website pmueller.de drei Editoren:

  • Classic Editor für ältere Beiträge
  • Block-Editor für neu zu schreibende Beiträge
  • Elementor für statische Seiten (also buchstäblich als Page-Builder)

Im März 2021 habe ich dann die Plugins Classic Editor und Elementor rausgeschmissen. Die Standardblöcke von WordPress reichten damals zum Erstellen von hübschen Layouts noch nicht aus, und deshalb installierte ich zusätzlich die GenerateBlocks, die GeneratePress als Theme perfekt ergänzten. Der folgende Beitrag schildert diesen Prozess:

Block-Editor mit dem Titel Goodbye Elementor, hello GenerateBlock
Der Block-Editor im Frühjahr 2021

Im Sommer 2021: Auf dem Weg zu Phase 2

In WordPress 5.8 wurde die Block-Navigation zur Listenansicht erweitert und der Block-Editor erreichte ein Stadium, dass man vielleicht mit „Was lange währt, wird endlich gut“ beschreiben könnte.

Im Hintergrund gab es viele Vorbereitungen für die nächste Phase des Projekts und WordPress 5.8 war ein großer Schritt in Richtung Phase 2.

Phase 2: Block-Themes und Site-Editor

Pagebuilder waren im Laufe der Zeit zu Website-Buildern herangewachsen, mit denen man nicht nur den Inhaltsbereich, sondern die gesamte Website inklusive Header und Footer bearbeiten konnte.

Phase 2 des Projekts Gutenberg hatte ein ähnliches Ziel: Full Site Editing sollte den Einsatz von Blöcken jenseits des Inhaltsbereiches von Beiträgen und Seiten ermöglichen.

Im Frühjahr 2022: Der Website-Editor als MVP

Das Gutenberg-Team hatte mit den sogenannten Block-Themes eine völlig neue Art von WordPress-Themes erfunden, die nur aus Blöcken bestanden. Während man bei klassischen WordPress-Themes zur Anpassung jenseits der im Customizer angebotenen Optionen den Code ändern muss, kann man bei einem Block-Theme mit dem neuen Website-Editor fast beliebige Anpassungen ohne Code-Berühung vornehmen.

Auch Phase 2 begann mit einer Verzögerung: WordPress 5.9 wurde nicht wie geplant im Dezember zur State of the Word 2021 veröffentlicht, sondern wegen technischer Probleme verschoben, und Matt Mullenweg versuchte in seiner Keynote die Erwartungen von vornherein zu dämpfen: 

With 5.9 … we are at the MVP, the Minimum Viable Product of this customization phase of Gutenberg.

Matt Mullenweg – State of the Word (bei 50:54min)

Ein Minimum Viable Product ist die erste minimal funktionsfähige Iteration eines Produkts, die dazu dient, möglichst schnell aus Nutzerfeedback zu lernen und so Fehlentwicklungen an den Anforderungen der Nutzer vorbei zu verhindern.

WordPress 5.9 hatte mit Twenty Twenty-Two erstmals ein Block-Theme als Standard-Theme, und im Menü Design gab es daher statt der Menüpunkte Customizer, Menü und Widgets nur noch einen namens Editor beta. Dieser Editor beta sah nach dem ersten Aufruf so aus in der folgenden Abbildung:

WordPress 5.9 und der Editor beta mit Twenty Twenty-Two
WordPress 5.9: Der Editor beta mit Twenty Twenty-Two

Der erste Eindruck war bei vielen NutzerInnen von Fragezeichen geprägt. Designen Sie alles auf Ihrer Website stand im Ratgeber. Klingt gut. Aber wie? Wie mache ich den Untertitel sichtbar? Wie passe ich die Navigation an? Wie werde ich den Vogel im Header los? Wie kann ich im Footer Widgets einfügen?

Der Editor trug dieses Mal anders als in Phase 1 noch den Zusatz beta, aber es war schon mutig, ein so unausgereiftes Produkt als Standard-Installation anzubieten. Viele NutzerInnen wechselten einfach auf ein klassisches Theme mit Customizer.

Im Herbst 2022: Twenty Twenty-Three ist gelungen

Ein gutes halbes Jahr später erschien in WordPress 6.1 mit Twenty Twenty-Three ein neues, blockbasiertes Standard-Theme:

Video-Workshop TT3 anpassen - die Übungswebsite vor der Anpassung
Twenty Twenty-Three mit den Standardeinstellungen

Twenty Twenty-Three war eher wie eine leere Leinwand und bot somit eine bessere Grundlage zum Experimentieren als Twenty Twenty-Two mit seinen hübschen Vogel-Bildern. Aber der Editor war immer noch beta und somit für den produktiven Einsatz nicht geeignet.

Im Frühjahr 2023: Der Website-Editor wird benutzbar

Im Frühjahr 2023, also gut ein Jahr nach dem MVP, wurde in WordPress 6.2 dass Beta-Label vom Website-Editor entfernt, und zusammen mit Twenty Twenty-Three gab es eine große Überraschung: Full Site Editing funktionierte nicht nur, sondern machte sogar Spaß.

WordPress 6.2 und Twenty Twenty-Three waren ein gutes Fundament für Websites, und Block-Themes erwiesen sich in der Praxis als pfeilschnell. Da die Arbeit mit dem Website-Editor aber alles andere als selbsterklärend war, hatte ich dazu einige Beiträge und Videos erstellt:

Video-Workshop TT3 anpassen - die Übungswebsite nach der Anpassung
Twenty Twenty-Three nach der Anpassung

Im Sommer wurde Einstieg in WordPress 6 überarbeitet, sodass in der fünften Auflage mit dem grünen Streifen vorne drauf Website-Editor und Twenty Twenty-Three mit an Bord sind. Mein erstes WordPress-Buch mit Website-Editor:

Peter Müller - Einstieg in WordPress 6 (5. Auflage)
Einstieg in WordPress 6 mit Website-Editor

Alles in allem kann man sagen, dass im Frühjahr 2023 das erste Mal das Gefühl aufkam, dass sich das mit dem Gutenberg wirklich lohnen könnte. Es gibt zwar immer noch viel Geröll auf dem Weg und man verläuft sich schon mal, weil die Beschilderung noch ein bisschen seltsam ist, aber die Aussicht ist schon klasse.

Im Herbst 2023: Twenty Twenty-Four ist klasse

Im Herbst kam mit Twenty Twenty-Four das nächste Standard-Theme, das natürlich wieder ein Block-Theme war. Und Twenty Twenty-Four war so gelungen, dass ich diese Website umgestellt und die dabei gemachten Erfahrungen ausführlich dokumentiert habe:

Die Demo-Site von Twenty Twenty-Four
Twenty Twenty-Four Demo-Website

Das Theme enthält tolle Vorlagen, hatte für meinen Geschmack bessere Standardeinstellungen als Twenty Twenty-Three und auch der Website-Editor als Werkzeug zur Anpassung von Block-Themes wird von Version zu Version besser.

Im Frühjahr 2024: Block-Themes are here to stay

Block-Themes sind noch kein Hype, aber definitely here to stay.

Wenn man ein Block-Theme gegen ein anderes Block-Theme austauscht, muss man bei den Inhalten, besonders bei Farbzuweisungen und Abständen, etwas nachbessern, aber man muss anders als bei einem Pagebuilder-Wechsel kein neues Werkzeug lernen.

Zum Anpassen von Block-Themes gibt es den Website-Editor. Wenn man einmal verstanden hat, wie das Ding funktioniert, gilt das auch bei einem anderen Block-Theme.

Fazit: It’s okay, but not yet the end.

Der Gutenberg ist Anfang 2024 zum Teil erklommen, aber der Weg war weiter als gedacht und manchmal sehr mühsam. Von den insgesamt vier geplanten Phasen des Projektes Gutenberg haben die beiden ersten inzwischen konkrete Ergebnisse:

  • Phase 1 ist der Block-Editor für Inhalte von Beiträgen und Seiten.
  • Phase 2 ist der Website-Editor zur Anpassung von Block-Themes.

Und hat sich die Reise gelohnt?

Für EinsteigerInnen ist der Block-Editor für Inhalte inzwischen gut nutzbar und macht einen Pagebuilder in vielen Fällen überflüssig. Aber zur Anpassung von Block-Themes mit dem Website-Editor braucht man doch einige Vorkenntnisse:

  1. Sicherer Umgang mit der Listenansicht und verschachtelten Blöcken.
  2. Detailliertes Verständnis der Blöcke aus dem Bereich Theme.
  3. Grundlegendes Verständnis von Templates und der Template-Hierarchie von WordPress.

Für Poweruser ist das kein Hindernis, aber EinsteigerInnen fühlen sich mit dem Customizer von klassischen Themes vielleicht wohler und vor allem sicherer, auch wenn sie damit weniger Möglichkeiten haben.

Für mich als Nicht-Entwickler, der sich gut mit WordPress auskennt, ermöglicht die wunderbare Welt der Blöcke schon jetzt viele Dinge, für die man früher Programmierkenntnisse gebraucht hätte. Die einfache Anpassung von Header, Footer und Templates oder die globale Gestaltung mit Stilen im Website-Editor – das und vieles mehr möchte ich echt nicht mehr missen.

Alles in allem kann man den Stand des Projekts Gutenberg mit einem meiner leicht angepassten Lieblingszitate beschreiben:

In Gutenberg, we have a saying:
»Everything will be alright in the end.« So if it’s not alright, it’s not yet the end.

frei nach Sonny in The Best Exotic Marigold Hotel

Anmerkungen

Die Gutenberg-Demo mit dem oben auf dieser Seite gezeigten Cover-Block kann man sich auch heute noch anschauen:

  1. Auf einer Test-Website das Gutenberg-Plugin installieren
  2. Im Backend-Menü Gutenberg auf den Menüpunkt Demo klicken.

Die Luftaufnahme des Gebirges stammt von Michal Parzuchowski aus Gdansk. Er hat es in der Slowakei aufgenommen und auf Unsplash.com veröffentlicht. To support Michal you can buy him a coffee.

Der Arbeitstitel dieser Chronik war Komm doch mit auf den Gutenberg. Der Satz basiert von einer Werbung für einen anderen Berg und lässt sich gut auf den darin ebenfalls verwendeten Colonel Bogey March singen. Sogar der Text passt in gewisser Weise: »Komm doch mit auf den Gutenberg … der schmeckt zwar ganz schön bitter, aber dafür hilft er dir schnell über’n Berg.«

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